Aus der Praxis

Kapazitätsplanung bei wachsender Produktion

Jörg Lemmerer
#WirtschaftMitTechnik
Kapazitätsplanung bei wachsender Produktion

Kapazität ist nicht der Durchschnitt – sie ist der Engpass

Das ist keine theoretische Beobachtung, sondern ein praktisches Grundprinzip jeder Kapazitätsplanung: Die tatsächlich nutzbare Kapazität eines Produktionssystems entspricht der Kapazität seiner schwächsten Stelle – nicht dem Mittelwert aller Anlagen oder Abteilungen. Eine Linie, die an fünf von sechs Stationen läuft und an einer stockt, produziert im Ergebnis so viel wie die eine schwächste Station erlaubt.

Für die Praxis bedeutet das: Bevor eine Investitionsentscheidung getroffen wird, muss klar sein, wo der Engpass tatsächlich liegt. Ist es die Anlage? Das Personal? Das Schichtmodell? Alle drei können der limitierende Faktor sein – und alle drei erfordern unterschiedliche Maßnahmen.

Schritt 1: Engpass identifizieren, bevor investiert wird

Die Engpassanalyse vor einer Kapazitätsinvestition ist kein optionaler Schritt. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Investitionsmittel dort wirken, wo sie gebraucht werden.

Praktisch bedeutet das:

AnalyseobjektLeitfragenTypische Kennzahlen
Anlage / MaschineWo bilden sich Warteschlangen? Welche Station bestimmt den Takt?Gesamtanlageneffektivität (OEE), Auslastungsgrad, Stillstandzeiten
Verfügbarkeit & RüstzeitenWie viel Netto-Produktionszeit steht tatsächlich zur Verfügung?Verfügbarkeit (%), Rüstzeit je Auftrag, Rüstzeitanteil an der Schicht
PersonalFehlt qualifiziertes Personal für bestimmte Prozesse oder Schichten?Besetzungsgrad je Schicht, Krankenstand, Qualifikationsabdeckung
SchichtmodellWird die vorhandene Anlagenkapazität zeitlich voll ausgeschöpft?Schichtbelegung, Überstundenquote, Stillstandzeiten außerhalb der Betriebszeit

Erst wenn diese Analyse vorliegt, lässt sich beurteilen, ob eine neue Anlage die richtige Antwort ist – oder ob Rüstzeitreduktion, ein angepasstes Schichtmodell oder gezielte Personalentwicklung die Kapazität günstiger erweitern.

Schritt 2: Verfügbarkeit und Rüstzeiten nüchtern bewerten

Die Gesamtanlageneffektivität (OEE) setzt sich aus drei Faktoren zusammen: Verfügbarkeit, Leistungsgrad und Qualitätsrate. Solange das OEE-Potenzial einer bestehenden Anlage nicht ausgeschöpft ist, lohnt es sich zu prüfen, ob Optimierungsmaßnahmen einer Neuinvestition vorzuziehen sind.

Rüstzeiten sind dabei oft unterschätzt. Wer Rüstzeiten reduziert – etwa durch Methoden wie SMED (Single-Minute Exchange of Die) –, gewinnt effektiv Kapazität, ohne eine einzige neue Anlage zu kaufen.

Relevante Kennzahlen für eine belastbare Ausgangslage:

KennzahlInterpretationshinweis
OEE gesamtNiedriger OEE deutet auf ungelöste Verfügbarkeits- oder Rüstprobleme hin
Verfügbarkeit (Anlage)Wartungsintensive Anlagen liegen oft unter dem Durchschnitt
Rüstzeitanteil an SchichtzeitHoher Anteil signalisiert Optimierungspotenzial
SchichtauslastungGeringe Auslastung bei nur einer Schicht: Schichtmodell prüfen vor Investition

Hinweis: Die konkrete Ausgangslage im eigenen Betrieb kann erheblich variieren – eine betriebsspezifische Analyse ist unerlässlich.

Schritt 3: Wachstum hochfahren – und was das arbeitsrechtlich bedeutet

Wer Kapazität durch zusätzliche Schichten oder Nachtarbeit erweitern will, betritt in Österreich rechtlich geregeltes Terrain. Das Arbeitszeitgesetz (AZG) setzt Grenzen für Mehrarbeit, Überstunden und Nachtschichtbetrieb. Bevor ein erweitertes Schichtmodell eingeführt wird, sind die einschlägigen Regelungen des AZG sorgfältig zu prüfen.

Ein zweiter Sicherheitsbezug beim Hochfahren: Einschulung neuer Mitarbeitender. Wer bei steigendem Auftragsvolumen Personal aufstockt, trägt die Verantwortung dafür, dass Neueinsteigende sicher und kompetent an ihren Arbeitsplätzen tätig sind. Bei komplexen Anlagen oder sicherheitsrelevanten Prozessen ist eine gründliche Unterweisung keine Formsache, die nebenbei erledigt wird. Unzureichend eingeschultes Personal an Produktionsanlagen erhöht Fehler-, Ausschuss- und Unfallrisiko gleichzeitig.

Schritt 4: Investitionsentscheidung mit Zahlen unterlegen – aber ehrlich

Wenn nach der Engpassanalyse feststeht, dass eine Anlageninvestition tatsächlich notwendig ist, braucht es eine wirtschaftliche Bewertung. Dabei gilt: Bandbreiten statt Punktschätzungen. Wer in einer Wirtschaftlichkeitsrechnung eine einzige Zahl für Auslastung, Stillstand oder Rüstzeit verwendet, täuscht eine Präzision vor, die in der Praxis nicht existiert.

Bessere Vorgehensweise: Drei Szenarien (konservativ, realistisch, optimistisch) mit plausiblen Annahmen – und die Sensitivität der Entscheidung gegenüber dem wichtigsten Treiber transparent machen. Wenn die Investition nur beim optimistischen Szenario rentabel ist, ist das eine andere Entscheidungssituation als wenn sie bereits im konservativen Szenario trägt.

Eine Szenarienrechnung ist immer betriebsspezifisch zu erstellen – konkrete Zahlen hängen von Anlage, Produkt und Marktlage ab.

Zusammenfassung: Die vier Schritte vor der Kapazitätsinvestition

  1. Engpass lokalisieren – Anlage, Personal oder Schichtmodell?
  2. Verfügbarkeit und Rüstzeiten analysieren – welches OEE-Potenzial liegt noch brach?
  3. Rechtliche Rahmenbedingungen prüfen – insbesondere das Arbeitszeitgesetz (AZG) sowie die Unterweisungspflichten beim Einsatz neuer Mitarbeitender
  4. Wirtschaftlichkeit mit Bandbreiten rechnen – kein Szenario, keine Entscheidung

Wachstum stößt zuerst an die schwächste Stelle. Wer diese Stelle kennt, investiert gezielt. Wer sie nicht kennt, kauft Kapazität dort, wo sie nicht gebraucht wird – und der Engpass bleibt. 🎯


Brauchen Sie eine strukturierte Kapazitätsanalyse für Ihren Betrieb? Das Ingenieurbüro Lemmerer begleitet Sie als externe Sicherheitsfachkraft und technischer Berater – von der Engpassanalyse über die Bewertung von Schichtmodellen bis zur sicherheitsgerechten Einschulung neuer Mitarbeitender beim Hochfahren der Produktion.

📩 Fragen, Anmerkungen oder ein konkretes Thema aus Ihrer Praxis? Ich freue mich über Ihre Nachricht – direkt hier oder über lemcon.tech.

Quellen

TitelStand / JahrQuelle
Arbeitszeitgesetz (AZG)aktuelle FassungRechtsinformationssystem des Bundes (RIS), ris.bka.gv.at
ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG)aktuelle FassungRIS, ris.bka.gv.at
Overall Equipment Effectiveness – Grundlagen und Anwendungetablierte FertigungspraxisLean-/TPM-Fachliteratur (allgemein anerkannte Methodik)
SMED – Single-Minute Exchange of Dieetablierte MethodikShigeo Shingo, Toyota Production System (Fachliteratur)

Sie haben einen konkreten Anlass? Oder wollen einfach wissen, wo Sie stehen?

Das Erstgespräch ist kostenlos und unverbindlich. 30 Minuten am Telefon oder via Video. Ich melde mich innerhalb eines Werktages.