Aus der Praxis

Materialfluss effizient planen

Jörg Lemmerer
#AnlagenVerstehen
Materialfluss effizient planen

Was Materialfluss wirklich bedeutet

Materialfluss ist die Summe aller Bewegungen von Rohstoffen, Halbfabrikaten und Fertigprodukten durch eine Anlage – von der Warenannahme bis zur Versandzone.

  • Wege: physische Routen, die Materialien zurücklegen
  • Puffer: Zwischenlager oder Wartezonen zwischen Prozessschritten
  • Übergaben: Schnittstellen, an denen Material von einem Prozessschritt oder Transportmittel zum nächsten wechselt

Das Ziel einer effizienten Materialflussplanung ist dabei immer dasselbe: kurze Wege, wenige Übergaben, keine unnötigen Kreuzungen – und das bei gleichzeitig sicherem Betrieb.

Das häufigste Problem: gewachsenes Layout

In der Praxis sieht ein typisches Produktionslayout nach zehn Jahren so aus: Eine Fräsmaschine steht dort, wo einmal Platz war. Das Zwischenlager liegt auf halbem Weg zwischen zwei Anlagen, aber nicht dort, wo es logistisch sinnvoll wäre. Und der Staplerweg kreuzt täglich mehrfach den Weg der Mitarbeiter, die Material zur Handmontage tragen.

Genau diese Stapler-Fußgänger-Kreuzung ist der häufigste und gefährlichste Mangel in gewachsenen Produktionslayouts. ⚠️ Sie entsteht nicht durch Fahrlässigkeit, sondern durch inkrementelle Veränderungen ohne Gesamtblick.

Rechtliche Grundlage:

Die österreichische legt klare Anforderungen an Verkehrswege in Arbeitsstätten fest:

  • Trennung von Fußgänger- und Fahrzeugverkehr:
  • Ausreichende Breiten:
  • Sichtbeziehungen:

Diese Anforderungen sind keine Empfehlungen, sondern Mindeststandards.

Schritt für Schritt: Materialfluss analysieren

Vor jeder Layoutänderung steht die Analyse des Ist-Zustands. Die folgende Tabelle zeigt einen praxiserprobten Analyserahmen:

AnalyseschrittMethodeTypischer Befund
WegeerfassungSpaghetti-Diagramm (Wege im Grundriss einzeichnen)Überkreuzungen, Rückwege, unnötige Schleifen
HäufigkeitsanalyseZählung von Materialflüssen je Verbindung (Von-Nach-Matrix)Welche Strecken werden wie oft genutzt?
PufferanalyseBeobachtung von Zwischenlagern und WartezeitenÜberfüllte Puffer als Symptom von Taktungleichgewichten
ÜbergabepunkteAufnahme aller Schnittstellen zwischen TransportmittelnMehrfaches Umpacken, fehlende Übergabehöhen
SicherheitsauditBegehung mit Fokus auf Verkehrswege (AStV)Stapler-Fußgänger-Kreuzungen, fehlende Markierungen

Das Spaghetti-Diagramm ist dabei das einfachste und wirkungsvollste Werkzeug: Wer die tatsächlichen Wege in einem Grundriss aufzeichnet, erkennt sofort, wo sich Linien häufen – und wo Handlungsbedarf besteht.

Von-Nach-Matrix: Häufigkeit macht den Unterschied

Nicht jede Verbindung zwischen zwei Stationen ist gleich wichtig. Eine Von-Nach-Matrix erfasst, wie häufig Material zwischen je zwei Punkten transportiert wird. Das Ergebnis zeigt, welche Verbindungen räumlich priorisiert werden sollten – also wo kurze Wege den größten Effekt haben.

Grundprinzip: Häufige Verbindungen gehören in räumliche Nähe. Seltene Verbindungen können längere Wege in Kauf nehmen.

Von → NachLagerStation AStation BVersand
Lager80×/Tag12×/Tag5×/Tag
Station A3×/Tag80×/Tag
Station B2×/Tag60×/Tag

In diesem Beispiel sollten Lager–Station A und Station A–Station B räumlich unmittelbar nebeneinander liegen. Station B–Versand ist die dritte Priorität. Wer das ignoriert und das Layout historisch belässt, erzeugt täglich unnötige Wege und Kreuzungspunkte.

Puffer: Symptomträger im Materialfluss 🔍

Überfüllte Zwischenlager sind fast immer ein Symptom, kein Problem für sich. Sie entstehen, wenn zwei aufeinanderfolgende Prozessschritte unterschiedliche Taktzeiten haben und der Puffer als „Puffer gegen den Stillstand” missbraucht wird.

Bei der Layoutplanung ist daher zu klären:

  • Wo gehört ein Puffer wirklich hin? Nicht dort, wo gerade Platz ist, sondern zwischen zwei Stationen mit strukturell unterschiedlichen Taktzeiten.
  • Wie groß soll er sein? Ausreichend für den geplanten Mengenausgleich, aber nicht so groß, dass er unkontrolliert wächst und Verkehrswege blockiert.
  • Ist er sicher zugänglich? Ein Puffer, der nur über einen Fahrzeugweg erreichbar ist, erzwingt Fußgänger-Stapler-Kontakt.

Nach der Bauordnung und den einschlägigen Lagervorschriften – insbesondere der Bauarbeiterschutzverordnung (BauV) für Baustellen, aber analog auch für stationäre Betriebe – dürfen Lagerungen nur auf festem, ebenem Boden erfolgen und müssen standsicher sein (BauV § 15). Für stationäre Produktionsstätten gilt sinngemäß dasselbe nach AStV und ASchG.

Verkehrswege sicher gestalten: Konkrete Maßnahmen

Wenn die Analyse Mängel zeigt, folgen strukturelle Maßnahmen. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über typische Maßnahmen nach Problemtyp:

MangelMaßnahmeNorm-/Rechtsbezug
Stapler-Fußgänger-KreuzungPhysische Trennung durch Absperrung, Einbahnführung, separate EingängeAStV (Verkehrswege)
Zu schmaler FahrwegVerbreiterung oder EinbahnregelungAStV (Mindestbreiten)
Fehlende BodenmarkierungenAufbringen von Fahrbahnmarkierungen (gelb) und Fußgängerzonen (weiß)AStV, ÖNORM Z 1000
Kreuzung ohne SichtKonvexspiegel, akustische Warnsignale, AmpelanlageAStV (Sichtbeziehungen)
Blockierte Notausgänge durch PufferPuffer räumlich verlagern, Freihaltebereich kennzeichnenAStV, ASchG

Bodenmarkierungen sind dabei oft die schnellste und kostengünstigste Erstmaßnahme – sie schaffen sofortige Orientierung, ersetzen aber keine bauliche Trennung, wenn das Gefährdungspotenzial hoch ist.

Übergaben: die unterschätzte Schwachstelle

Jede Übergabe – also jeder Wechsel eines Materials von einem Transportmittel oder Prozessschritt zum nächsten – ist eine potenzielle Fehlerquelle: falsches Material, Beschädigung, Zeitverlust, ergonomische Belastung. In gewachsenen Layouts gibt es oft mehr Übergaben als technisch notwendig, weil die Prozessschritte räumlich verstreut sind.

Ziel: Übergaben minimieren durch räumliche Zusammenführung von Schritten, die sequenziell aufeinanderfolgen. Wo Übergaben unvermeidbar sind, müssen Höhen angepasst (), Flächen ausreichend dimensioniert und Wege kreuzungsfrei gestaltet sein.

Materialflussplanung ist kein einmaliges Projekt

Ein häufiger Denkfehler: Das Layout wird einmal optimiert und dann nicht mehr angefasst. In der Realität verändern sich Produktionsprogramme, Maschinenbelegungen und Teamgrößen kontinuierlich. Materialfluss muss daher regelmäßig überprüft werden – mindestens dann, wenn neue Maschinen aufgestellt, Produktlinien geändert oder Lager umgebaut werden.

Die Arbeitsplatzevaluierung nach ASchG bietet den formalen Rahmen dafür: Sie erfasst auch Gefährdungen durch den innerbetrieblichen Transport und verlangt dokumentierte Maßnahmen. Eine aktualisierte Materialflussanalyse ist damit gleichzeitig ein Beitrag zur Rechtskonformität. ✅


Fazit: Effizienter Materialfluss entsteht nicht durch Zufall, sondern durch systematische Analyse des Ist-Zustands, konsequente Priorisierung häufiger Verbindungen und eine klare Trennung von Fahrzeug- und Fußgängerverkehr nach den Anforderungen der AStV. Wer das Layout kennt und versteht, kann gezielt eingreifen – ohne großen Investitionsaufwand, aber mit spürbarer Wirkung auf Sicherheit und Effizienz.

LEMCON.TECH unterstützt Sie als externe Sicherheitsfachkraft bei der Analyse Ihres Materialflusses, der Begehung und Bewertung von Verkehrswegen sowie der Dokumentation im Rahmen der Arbeitsplatzevaluierung. Haben Sie konkrete Fragen zu Ihrem Layout oder einem spezifischen Kreuzungspunkt? Melden Sie sich gerne für eine unverbindliche Erstberatung – Rückfragen sind ausdrücklich erwünscht.

Quellen

TitelStand / IDQuelle
ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG)BGBl. I Nr. 450/1994 idgFRIS, ris.bka.gv.at
Bauarbeiterschutzverordnung (BauV), § 15BGBl. Nr. 340/1994 idgFRIS

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