Aus der Praxis

Return on Safety – lohnt sich Prävention?

Jörg Lemmerer
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Prävention rechnet sich – und ist in Österreich verpflichtend. Das ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG §§ 4 & 7) verlangt die systematische Gefahrenverhütung und Evaluierung; wirtschaftliche Optimierung beginnt erst oberhalb dieser Mindeststandards. Return on Safety (RoS) macht sichtbar, wie Sicherheitsmaßnahmen Lieferfähigkeit stabilisieren, Kosten senken und Cashflows glätten. 🛡️📈

Business-Ziel: Stabiler Output, planbare Kosten, bessere Margen

  • Liefer- und Produktionssicherheit: weniger ungeplante Stillstände, höhere Termintreue.
  • Kosten- und Ergebniswirkung: geringere Ausfall- und Qualitätskosten, reduzierte Störkosten im Betrieb.
  • Risikoreduktion: geringere Volatilität im Ergebnis, verbesserte Versicherungs- und Finanzierungskonditionen.
  • ESG und Markt: Audit-Fähigkeit, Kundenanforderungen, Arbeitgeberattraktivität.

Technische Hebel (Stand der Technik)

  • Gefahrenquelle eliminieren/substituieren: konstruktive Änderungen statt personenbezogener Maßnahmen (ASchG § 7).
  • Technische Schutzmaßnahmen an Maschinen: Risikobeurteilung nach ÖNORM EN ISO 12100; sichere Steuerungskonzepte nach EN ISO 13849-1 bzw. IEC 62061; normgerechte elektrische Ausrüstung nach EN 60204-1.
  • Ergonomie und Materialfluss: reduzierte manuelle Lasten, optimierte Greifräume, automatisierte Zuführung zur Senkung muskuloskelettaler Belastungen.
  • Betriebssichere Instandhaltung: zustandsorientierte und vorausschauende Instandhaltung sicherheitskritischer Komponenten; sauberes Lockout-Tagout-Verfahren.
  • Digitale Unterstützung: Beinaheunfall-Erfassung, mobile Sicherheitsbegehungen, Maßnahmentracking; Schulungsnachweise digital.
  • Organisation und Kompetenz: Rollen, Verantwortlichkeiten, qualifizierte Unterweisung; Managementsystem nach ISO 45001 als Rahmen.

Wirtschaftliche Wirkung: Von Risiko zu Euro

  • Kostenarten erfassen:
  • Direkt: Lohnfortzahlung, Ersatzpersonal/Überstunden, Reparaturen, Ausschuss/Nacharbeit, Stillstandskosten, externe Gutachten.
  • Indirekt: Lieferverzug/Vertragsstrafen, verlorene Deckungsbeiträge, Prämieneffekte, Produktivitätsverlust im Team, Managementaufwand, Reputations- und ESG-Risiken.
  • Wirkungsketten quantifizieren:
  • Ausfalltage → reduzierte Kapazitätslücke → verringerter Outsourcing-/Expressbedarf.
  • Störungen → höhere Gesamtanlageneffektivität (OEE) → mehr verkaufbare Einheiten.
  • Qualitätsfehler → weniger Nacharbeit/Ausschuss → geringere Herstellkosten.
  • Kennzahlen und Formeln:
  • Return on Safety (RoS) = (vermeidbare Kosten + zusätzlicher Deckungsbeitrag – Investitions- und Betriebskosten) / Investitions- und Betriebskosten.
  • Erwartungswertansatz: E[Schaden] = Ereignisfrequenz × mittlere Schwere × Kosten pro Ereignis.
  • Produktivität: ΔDB = ΔOutput × Stückdeckungsbeitrag – Zusatzkosten.

Evidenz aus belastbaren Studien zeigt, dass Investitionen in Sicherheit typischerweise positive Nutzen-Kosten-Verhältnisse erzielen (z.B. Bandbreiten >1 bis deutlich >2, abhängig von Branche, Maßnahme und Ausgangslage). Diese Werte sind kontextspezifisch zu verifizieren, ersetzen jedoch nicht die gesetzlichen Mindestvorgaben.

Umsetzung und Controlling (AT-rechtskonform)

  1. Compliance-Basis schaffen:
    • Allgemeine Grundsätze der Gefahrenverhütung anwenden (ASchG § 7).
    • Ermittlung und Beurteilung der Gefährdungen inkl. Dokumentation und Maßnahmenfestlegung (ASchG §§ 4 & 5).
  2. Risiko- und Potenzial-Scan:
    • Top-10 Verlusttreiber identifizieren (Störungen, Beinaheunfälle, ergonomische Hotspots, wiederkehrende Qualitätsmängel).
    • Risikobeurteilung je Maschine/Prozess nach ÖNORM EN ISO 12100.
  3. Maßnahmenportfolio priorisieren:
    • Bewertungsmatrix: Risikoreduktion, RoS, Umsetzungszeit, Abhängigkeiten, Normkonformität.
    • Vorrang für Eliminations- und technische Maßnahmen vor organisatorischen/individuellen.
  4. Realisierung:
    • Lastenheft mit Sicherheits- und Verfügbarkeitszielen; formale Abnahme inkl. Funktions- und Stoppzeiten.
    • Änderungsmanagement, Unterweisung, Wirksamkeitsprüfung.
  5. Controlling:
    • Führende Kennzahlen (Leading Indicators): gemeldete unsichere Zustände pro 100 Mitarbeitende, Maßnahmenabschlussquote, Audit- und Schulungsquote, mittlere Zeit bis Abstellung eines kritischen Befunds, Not-Halt-Betätigungen pro 10.000 Betriebsstunden.
    • Ergebniskennzahlen (Lagging): Ausfalltage, Unfallhäufigkeit/Schwere, OEE, Ausschussquote, Vertragsstrafen, Prämienentwicklung.
    • Review im Management: monatlicher RoS-Report, Quartals-Portfolio-Entscheide.

Rechenlogik – Vorlage für den Business Case

  • Ausgangsdaten:
  • Ereignisfrequenz und -schwere (3–5 Jahre Historie, Beinaheunfall-Quote inkludieren).
  • Kostenblöcke pro Ereignis (Produktion, Qualität, Personal, Logistik, Versicherung).
  • Prozess- und Anlagendaten (OEE, Takt, Engpass, Stückdeckungsbeitrag).
  • Maßnahme:
  • Zielrisiko nach Umsetzung (begründet durch Norm, Techniknachweis, Test).
  • Investitions- und Betriebskosten über Lebensdauer.
  • Ergebnis:
  • Jährliche Vermeidungskosten = (ΔFrequenz × Kostensatz) + (ΔSchwere × Kostensatz) + ΔDB durch Produktivität.
  • Payback, Kapitalwert, Sensitivität (±20 % Annahmen auf Frequenz und Kostensatz).
  • Governance:
  • Mindestanforderungen Gesetz/Norm: nicht verhandelbar.
  • Wirtschaftliche Optimierung: Maßnahmenreihenfolge, Technologievarianten, Timing.

Rechtlicher Rahmen (AT)

  • Gesetzliche Mindestpflichten: Anwendung der allgemeinen Grundsätze der Gefahrenverhütung (ASchG § 7) sowie Ermittlung und Beurteilung der Gefährdungen einschließlich Ableitung und Umsetzung von Maßnahmen (ASchG § 4). Diese Pflichten sind unabhängig von wirtschaftlichen Erwägungen einzuhalten.
  • Normen und Herstellerangaben dienen der Umsetzung des Stands der Technik und zur Wirksamkeitsbegründung, ersetzen jedoch nicht die gesetzlichen Pflichten.

Fazit

Prävention ist ein Business-Treiber: Sie reduziert Ergebnisvolatilität, sichert Kapazität und steigert Deckungsbeiträge – mit belastbarer Evidenz und klaren gesetzlichen Leitplanken. Wer RoS systematisch misst und steuert, entscheidet schneller, zielgenauer und compliant.

Quellen

  • ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG) – Allgemeine Grundsätze der Gefahrenverhütung (§ 7) und Ermittlung und Beurteilung der Gefährdungen (§ 4). BGBl. Nr. 450/1994 idgF, ris.bka.gv.at (Stand: 2025).
  • EU-OSHA: The business case for safety and health at work – Cost–benefit analyses of interventions (2014), osha.europa.eu.
  • ISSA: The return on prevention – Calculating the costs and benefits of investments in occupational safety and health (2013), issa.int.
  • ÖNORM EN ISO 12100: Sicherheit von Maschinen – Allgemeine Gestaltungsleitsätze – Risikobeurteilung und Risikominderung (2011), Austrian Standards.

Klarer nächster Schritt: Starten Sie mit einem RoS-Schnellcheck für Ihre Top-3 Verlusttreiber und priorisieren Sie das Maßnahmenportfolio. Kontaktieren Sie uns für eine pragmatische RoS-Analyse inklusive Kennzahlenset – Rückfragen jederzeit willkommen.

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