Aus der Praxis

Verlustleistung durch Reibung – lohnt sich Optimierung?

Jörg Lemmerer
#AnlagenVerstehen
Verlustleistung durch Reibung – lohnt sich Optimierung?

Wo entsteht Reibungsverlust?

Reibungsverluste treten in Anlagen und Fördersystemen an mehreren Stellen gleichzeitig auf. Die wichtigsten Verlustquellen sind:

VerlustquelleTypisches AuftretenTypischer Verlustanteil
Wälz- und GleitlagerAntriebseinheiten, Förderbänder, Pumpen1–5 % der Antriebsleistung
Dichtungen (Gleitringdichtungen, Stopfbuchsen)Pumpen, Mischer, Rührwerke0,5–3 %
Getriebe (Stirnrad, Schnecke)Fördertechnik, Antriebsstränge1–10 %, Schneckengetriebe bis 40 %
Rohrreibung in FlüssigkeitssystemenProzessanlagen, Kühlkreisläufeabhängig von Rohrdurchmesser und Fließgeschwindigkeit
Riemen- und KettenantriebeFördertechnik, Nebenaggregate2–5 %

Die Einzelverluste klingen klein – in einer typischen Produktionsanlage mit mehreren Antriebssträngen summieren sich 5–15 % Gesamtverlust durch Reibung jedoch schnell zu einem Betrag, der die Wirtschaftlichkeit einer Investition rechtfertigt.

Verlustleistung berechnen – so geht es

Die Grundlage jeder Wirtschaftlichkeitsbetrachtung ist die Verlustleistung in Kilowatt (kW) und die daraus resultierenden jährlichen Energiekosten.

Beispielrechnung Schneckengetriebe:

Ein Schneckengetriebe mit einem Wirkungsgrad von 75 % (η = 0,75) treibt eine Förderanlage mit 15 kW Nutzleistung an.

  • Aufgenommene Leistung: P_ein = P_nutz / η = 15 kW / 0,75 = 20 kW
  • Verlustleistung: P_verlust = 20 kW − 15 kW = 5 kW
  • Betrieb: 4.000 Stunden pro Jahr
  • Jährliche Verlustenergie: 5 kW × 4.000 h = 20.000 kWh/Jahr
  • Bei einem Energiepreis von 0,18 €/kWh: 3.600 € Verlustkosten pro Jahr

Ein Tausch auf ein Stirnradgetriebe mit η = 0,97 reduziert die Verlustleistung auf ~0,5 kW – eine Einsparung von über 3.200 €/Jahr. Das ist eine solide Basis für eine Investitionsentscheidung.

Systematische Verlustanalyse – Vorgehensweise

Ohne strukturierte Analyse werden Maßnahmen nach Bauchgefühl priorisiert. Das folgende Vorgehen liefert eine belastbare Entscheidungsgrundlage:

SchrittMethodeErgebnis
1. Systemgrenze definierenAnlage, Teilanlage oder Antriebsstrang abgrenzenKlarer Analyserahmen
2. LeistungsmessungElektrische Leistungsaufnahme aller Antriebe erfassen (Zangenamperemeter, Leistungsmessgerät)Ist-Wirkungsgrade je Antriebseinheit
3. WirkungsgradvergleichIst-Wirkungsgrad mit Herstellerangaben / Stand der Technik vergleichenAbweichung = potenzielle Verlustquelle
4. ThermografieInfrarotaufnahmen an Lagern, Getrieben, DichtungenLokalisierung von Reibungswärmequellen
5. VerlustrangfolgeVerlustleistungen je Quelle berechnen und sortierenPriorisierungsliste
6. AmortisationsrechnungInvestitionskosten vs. jährliche EnergieeinsparungEntscheidungsgrundlage

Die Infrarot-Thermografie ist dabei besonders wirkungsvoll: Überwärmte Lager oder Dichtungen zeigen nicht nur Effizienzprobleme, sondern kündigen oft auch bevorstehende Ausfälle an – ein doppelter Nutzen für die Instandhaltung. ⚙️

Typische Optimierungsmaßnahmen und ihre Wirkung

MaßnahmeTypische EinsparungInvestitionsaufwand
Schneckengetriebe → Stirnradgetriebe ersetzen15–20 % Antriebsenergiemittel
Veraltete Gleitlager → Wälzlager2–5 % Antriebsenergiegering
Stopfbuchsdichtung → Gleitringdichtung1–3 % + reduzierter Wartungsaufwandgering–mittel
Riemenantrieb → Zahnriemen oder Direktantrieb2–4 %gering–mittel
Rohrleitungssanierung (Querschnitt, Krümmer)5–15 % Pumpenenergiemittel–hoch
Schmierstoffoptimierung (Viskositätsklasse anpassen)1–4 %sehr gering

Die Schmierstoffoptimierung ist oft die am meisten unterschätzte Maßnahme: Läuft ein Lager mit einer zu hohen Viskositätsklasse, überwiegt die Planschreibung – das kostet Leistung, ohne einen Schutzvorteil zu bringen. Läuft es mit zu niedriger Viskosität, steigen Verschleiß und Reibung im Mischreibungsbereich. Die richtige Viskositätsklasse für Betriebstemperatur und Drehzahl ist ein Nullkosten-Hebel. 🔍

Wann lohnt sich die Investition nicht?

Nicht jede Optimierung rechnet sich. Eine Investition ist unwirtschaftlich, wenn:

  • Die Restlaufzeit der Anlage die Amortisationsdauer unterschreitet
  • Die Betriebsstundenzahl zu gering ist (< 1.000 h/Jahr bei kleinen Antrieben)
  • Der Umbauaufwand in keinem Verhältnis zur Einsparung steht (z. B. komplette Anlagenmodifikation für 0,3 kW Einsparung)
  • Die Verlustquelle bereits im Bereich unvermeidbarer konstruktiver Reibung liegt und nicht weiter absenkbar ist

Gerade bei kleinen Antrieben unter 2 kW kann die Amortisationszeit für Getriebeersatz so lang ausfallen, dass eine Bewertung im Zuge der nächsten planmäßigen Anlageninvestition sinnvoller ist als eine Sofortmaßnahme.

Priorisierung: Wo anfangen?

Die Reihenfolge der Umsetzung sollte nach drei Kriterien erfolgen:

  1. Größte Verlustleistung zuerst – dort ist das absolute Einsparungspotenzial am höchsten
  2. Kürzeste Amortisationszeit – sichert frühen Rückfluss und schafft Budget für weitere Maßnahmen
  3. Verbindung mit ohnehin geplanten Wartungsintervallen – spart Stillstandskosten, da keine zusätzlichen Unterbrechungen notwendig

Ein einfaches Scoring dieser drei Kriterien (z. B. je 1–3 Punkte) ergibt eine nachvollziehbare Prioritätenliste, die sich intern und gegenüber der Geschäftsführung begründen lässt.

Fazit

Reibungsverluste sind nicht unvermeidbar – sie sind quantifizierbar, lokalisierbar und wirtschaftlich bewertbar. Wer systematisch vorgeht, findet in nahezu jeder Anlage Potenziale, die sich innerhalb überschaubarer Zeiträume amortisieren. Der Schlüssel liegt nicht in aufwändiger Technik, sondern in einer strukturierten Analyse, die Verlustquellen priorisiert und die Optimierungsmaßnahmen mit einer klaren Amortisationsrechnung unterlegt. 💡


Sie möchten wissen, wo in Ihrer Anlage die größten Reibungsverluste stecken? Das Ingenieurbüro Lemmerer (lemcon.tech) unterstützt Sie bei der systematischen Verlustanalyse und der Bewertung von Optimierungsmaßnahmen – praxisnah und rechnerisch nachvollziehbar. Schreiben Sie uns oder hinterlassen Sie eine Frage in den Kommentaren – wir antworten konkret.


Quellenverzeichnis

Nr.Titel / BezeichnungStand / JahrQuelle / Domain
1Maschinenelemente – Funktion, Gestaltung und Berechnung (Roloff/Matek)2021Springer Vieweg
2VDI 4661 – Energiekenngrößen: Definitionen, Begriffe, Methodik2003VDI-Richtlinie
3Fachbuchreihe Antriebstechnik: Getriebe und Kupplungen (Niemann/Winter)2005Springer
4Energieeffizienz in der Antriebstechnik (Binder/Schneider)2018Springer Vieweg

Quellen

  • VDI 4661

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