Aus der Praxis

Von der Wartung zur Analyse – was ist Predictive Maintenance?

Aktualisiert 01. Dezember 2025 Jörg Lemmerer
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Von der Wartung zur Analyse: Predictive Maintenance schafft planbare Verfügbarkeit, weniger Stillstände und bessere Ressourcennutzung – datenbasiert statt kalendergetrieben. ⚙️📈

Was ist Predictive Maintenance?

Predictive Maintenance (vorausschauende Instandhaltung) nutzt Zustandsdaten von Anlagen, um Ausfallwahrscheinlichkeiten und die verbleibende Restnutzungsdauer (Remaining Useful Life, RUL) zu prognostizieren. Im Unterschied zu:

  • Reaktiver Wartung (erst handeln, wenn etwas bricht) und
  • Zeit- oder Zyklen-basierter präventiver Wartung (fixe Intervalle), arbeitet Predictive Maintenance zustands- und risikobasiert: Sensorik, Prozessdaten und Historie ergeben ein laufendes Bild des Anlagenzustands und der nächsten sinnvollen Instandhaltungsmaßnahme. Ziel sind planbare Eingriffe mit ausreichender Vorwarnzeit, minimalen Opportunitätskosten und maximaler Verfügbarkeit.

Use-Case: Kreiselpumpen in einer Produktionslinie

Ausfalltreiber: Lager- und Dichtungsschäden, Kavitation, Fehlausrichtung. Datengrundlage:

  • Schwingungen gemäß ISO 20816 (Messpunkte radial/axial, breitbandig und spektral)
  • Motorstromsignatur und Leistungsaufnahme
  • Temperatur (Lager, Medium), Druckpulsationen, Durchfluss
  • Instandhaltungs- und Ersatzteilhistorie aus dem Instandhaltungssystem (Computerized Maintenance Management System, CMMS)
  • Betriebsbedingungen (Last, Start/Stopp-Zyklen, Mediumseigenschaften)

Typischer Nutzenhebel:

  • Früherkennung von Lagerdefekten (Hüllkurvenanalyse, Kurtosis)
  • Kavitationserkennung (charakteristische Frequenzbänder + Druckfluktuationen)
  • Erkennung von Fehlausrichtung/Unwucht (1×, 2×, 3× Drehfrequenz im Spektrum)

Metriken und Methodik

Ziel ist Messbarkeit – technisch und wirtschaftlich.

  • Technische Zustandsmetriken
  • Schwinggeschwindigkeit RMS und Spitzenfaktor; Hüllkurvenamplitude; spektrale Peaks bei Lagerfrequenzen
  • Temperaturanstieg-Gradient, Druck- und Durchflussstabilität
  • Ölzustand/Partikelzahl nach ISO 4406 (wenn relevant)
  • Modellgüte und Vorhersagequalität
  • Vorwarnzeit (Lead Time) bis zum Ereignis
  • Trefferquote (Recall) und Präzision (Precision) bei Alarmen; Verhältnis von Fehlalarmen zu bestätigten Fällen
  • Prognosefehler der Restnutzungsdauer (z.B. mittlerer absoluter Fehler)
  • Geschäftsmetriken
  • Verfügbarkeitssteigerung und Beitrag zur Gesamtanlageneffektivität (Overall Equipment Effectiveness, OEE)
  • Reduktion ungeplanter Stillstandsstunden und Eilaufträge
  • Teile- und Fremdleistungskosten je Anlage und je Tonne/Los
  • Termintreue und Durchlaufzeitwirkung

Methodisch bewährt (praxisnah und skalierbar):

  1. Kritikalitäts- und Risikoanalyse je Aggregat (Sicherheit, Umwelt, Kosten, Liefertermin).
  2. Sensorik-Design nach Normempfehlungen (z.B. ISO 20816 Messpunkte, Abtastraten, Montage).
  3. Datenarchitektur nach ISO 13374 (Datenerfassung, Vorverarbeitung, Feature-Generierung, Zustandsbewertung, Diagnose/Prognose).
  4. Modelle passend zur Datenlage: von Schwellenwertlogik und Trendanalytik bis zu hybriden Verfahren (physikalische Merkmale + maschinelles Lernen).
  5. Validierung im Zeitverlauf mit Blindperioden, definierte Entscheidungsregeln (Wann Auftrag im CMMS? Welche Vorwarnzeit?).
  6. Visuelle Diagnose: Trendkurven, Spektren, Heatmaps, Asset-Hierarchien.
  7. Integration in Prozesse: Arbeitsaufträge, Ersatzteillogistik, Rückmeldung zur Modellverbesserung. 🔄

Konkretes Beispiel mit Zahlen

Ausgangslage:

  • 60 Pumpen, 12 ungeplante Stillstände pro Jahr
  • Dauer je Stillstand: 8 Stunden
  • Stillstandskosten: 3.000 € pro Stunde

Baseline-Kosten ungeplanter Stillstand: 12 × 8 × 3.000 € = 288.000 € pro Jahr

Pilot „Predictive Maintenance“:

  • Sensorik + Anbindung: 60.000 € einmalig
  • Plattform + Betrieb: 10.000 € pro Jahr
  • Nach 9 Monaten: 50 % weniger ungeplante Stillstände, 20 % mehr planbare Fenster (Kombinieren von Maßnahmen)

Einsparung: 144.000 € pro Jahr gegenüber Baseline Return on Investment im ersten Jahr (vereinfachter Cashflow): 144.000 € − 60.000 € − 10.000 € = 74.000 € Ab Jahr 2 (ohne Erstinvest): 134.000 € p. a. positiver Effekt, zusätzlich Qualitäts- und Terminsicherheit.

Interpretation:

  • Die Reduktion ungeplanter Fälle ist der Haupttreiber. Wichtig ist die ausreichende Vorwarnzeit (z.B. Median 10–14 Tage) und eine niedrige Fehlalarmrate, damit Kapazitäten nicht unnötig gebunden werden.
  • Bei zu kurzen Vorwarnzeiten (< 48 h) kippt der Vorteil, weil Ersatzteile/Personal nicht verfügbar sind.
  • Normgerechte Messpunkte und stabile Betriebsfenster sind entscheidend für robuste Merkmale.

Typische Fallstricke und wie man sie vermeidet

  • Fehlende Ground-Truth: Ohne saubere Rückmeldungen aus dem Instandhaltungssystem (Befund, Ursache, Maßnahme) lernen Modelle falsch. Lösung: Pflichtfelder und klare Codierung.
  • Daten-Drift: Änderungen an Anlagen, Sensoren oder Prozessen verschieben Signaturen. Lösung: Versionsmanagement, Re-Training, Monitoring von Verteilungsänderungen.
  • Zu komplex starten: Black-Box-Modelle ohne erklärbare Merkmale erschweren Akzeptanz. Lösung: Start mit nachvollziehbaren Features, dann graduell erweitern.
  • Insel-Lösungen: Keine Integration in Arbeitsaufträge und Ersatzteilprozesse. Lösung: Ereignis- und Schwellenlogik direkt mit dem Instandhaltungssystem (CMMS) verbinden.
  • Cybersecurity vernachlässigt: Sensorik und Gateways sind OT-Systeme. Lösung: Netzwerksegmentierung und Zugriffskontrolle entlang IEC 62443.

Handlungsempfehlung für den Einstieg

  1. Use-Case priorisieren: Kritikalität, Ausfallhistorie, Ersatzteil- und Stillstandskosten transparent machen.
  2. Messkonzept festlegen: Normgerechte Sensorik, Messpunkte, Sampling und Kalibrierung; Datenqualität vor Modellkomplexität.
  3. Metriken vorab definieren: Trefferquote, Fehlalarme, Vorwarnzeit, vermiedene Stillstandsstunden und Euro-Nutzen.
  4. Pilot mit klaren Spielregeln: 3–6 Monate, definierte Anlagen, feste Review-Termine mit Technik, Produktion und Instandhaltung.
  5. Visualisieren für Entscheidungen: Zustandsindex, Trend, Spektrum, prognostizierte Restnutzungsdauer; wenige, klare Dashboards.
  6. Prozessintegration: Automatischer Arbeitsauftrag bei Schwellwerten, Ersatzteilreservierung, Kapazitätsplanung; Lessons Learned zurück ins Modell.
  7. Skalieren und standardisieren: Asset-Typen-Bibliothek, wiederverwendbare Features, Governance für Daten und Modelle.

Kurz: Was gehört in ein gutes PdM-Dashboard?

  • Asset-Hierarchie mit Ampellogik
  • Trend + Spektrum je Aggregat mit Normbezug (z.B. Grenzbereiche gemäß ISO 20816)
  • Prognostizierte Restnutzungsdauer mit Konfidenzband
  • Ticket-Status aus dem Instandhaltungssystem und dokumentierte Maßnahmen

Klarer nächster Schritt: Starten Sie mit einem fokussierten Pilot für 1–2 kritische Aggregat-Typen. Wir moderieren die Zieldefinition, das Messkonzept und die Metrikvereinbarung, implementieren ein belastbares Datenfundament und schaffen sichtbaren Nutzen innerhalb eines Quartals. Kontaktieren Sie uns für einen praxisnahen Workshop – Ihre Fragen sind ausdrücklich willkommen. 🔍

Quellen

  • ISO 17359:2018 – Condition monitoring and diagnostics of machines — General guidelines (iso.org)
  • ISO 20816-1:2016 – Mechanical vibration — Measurement and evaluation of machine vibration — Part 1: General guidelines (iso.org)
  • ISO 13374-1:2015 – Condition monitoring and diagnostics of machines — Data processing, communication and presentation — Part 1: General guidelines (iso.org)
  • Deloitte (2021) – Predictive maintenance and the smart factory (deloitte.com)

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